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	<title>Sigrid Stabel &#187; Texte</title>
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		<title>This is woodland</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Jun 2013 10:45:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sigrid Stabel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Texte]]></category>

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		<description><![CDATA[Katalogtext von Ulrike Rathjen, Kunsthistorikerin Wald ist ein zentrales Motiv Sigrid Stabels fotografischer Arbeit der Jahre 2011 bis 2013. Vielfältig tritt er in Erscheinung, für sich und im Ensemble mit weiteren Motiven. Seine Präsenz verbindet die Serien und die Ausstellungen Waldhaus I, Waldhaus II und Waldgeschichten sowie Stoffwechsel, die in diesem Katalog gezeigt werden. Der [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Katalogtext von Ulrike Rathjen, Kunsthistorikerin</em></p>
<p><em></em>Wald ist ein zentrales Motiv Sigrid Stabels fotografischer Arbeit der Jahre 2011 bis 2013. Vielfältig tritt er in Erscheinung, für sich und im Ensemble mit weiteren Motiven. Seine Präsenz verbindet die Serien und die Ausstellungen Waldhaus I, Waldhaus II und Waldgeschichten sowie Stoffwechsel, die in diesem Katalog gezeigt werden.<span id="more-226"></span></p>
<p>Der Wald ist Hort von Verborgenem und von Zeit, unzählige Jahresringe finden sich versammelt. Er ist Erinnerungsraum und auch jener Ort an dem sich Grimmsche Märchenfiguren verlieren. Er ist vielmals allegorisierte und in Bilder gefasste Landschaft. Das in der Kunst manifestierte Bild vom Wald ist vor allem durch die Malerei der deutschen Romantik geprägt und damit eng mit der europäischen Kultur und Geschichte verbunden. Der Wald ist darüber hinaus ein psychologischer Raum, ein Ort der Selbstvergessenheit. Die Künstlerin unternimmt nach wie vor Gänge in den Wald ihrer Kindheit, in lang vertrautes Gebiet und begibt sich – nicht nur mit diesen Arbeiten – auf die Spuren der eigenen Biografie.</p>
<p>Was für ein Gefühl: die Trampelpfade abzulaufen, die vor Jahrzehnten schon so da waren, die Gerüche, die sich nicht geändert haben. Erinnerungen tauchen auf an das Glück, über die Freiheit und Geborgenheit, frei von Zeitgefühl, den leichten, schönen Schauer. Wie leicht könnte man dort bleiben. Immer. Und schließlich die Erleichterung über die Häuser die durch die Baumstämme hindurch allmählich wieder sichtbar werden.</p>
<p>Die Thematik „Innen versus Außen“ ist ein zentrales Thema unseres Daseins in der Welt: Wie nehmen wir teil; nehmen wir Dinge oder Situationen fokussiert, geschärft wahr oder unklar, vielleicht intuitiv. Sind wir nah oder fern von etwas. Welche Räume besitzen wir, was machen Gebäude mit uns?</p>
<p>Gehäuse oder Haus, Heim und Interieur spielen in Sigrid Stabels Arbeiten thematisch und motivisch seit je eine wichtige Rolle. In ihm geschehen kuriose Dinge. Zivilisation und Natur gehen bei der Künstlerin vielschichtige Bindungen ein. Die Sicht auf eine Hütte im Wald, eine Lampe, die zwischen Bäumen hängt, Sylvesterfeuerwerk hinter dem Geflecht von Ästen, Mandalas als Räder der Zeit arrangiert zu einem abstrakten Memento Mori-Motiv. Es können mythische Räume sein, wie etwa die Landschaft Arkadien, die Bildtitel für die Darstellung zweier Kinder ist, die leichtfüßig auf eine Waldlichtung zu gehen.</p>
<p>Stoffwechsel</p>
<p>Vibration und Geschwindigkeit sind diesem Waldtrip (2012) zu Eigen; rasant geht es zu an einem sonnigen Winternachmittag an einem Jägerzaun. Essentielle Themen von Sigrid Stabels Arbeit sind in dieser Fotografie vereint. Die Natur, ihre Farben, das Innen und Außen bzw. Dahinter und Davor – und gerade das Erforschen der Grenzbereiche dazwischen – , das Auffinden und Hervorheben von stofflichen Strukturen und Mustern – und deren Dekonstruktion.</p>
<p>Kalkuliertes „Verwackeln“ spielt in Sigrid Stabels fotografischer Arbeit seit 2011 eine bildgebende Rolle. Es erzeugt eine Dynamik, die der fürs bloße Auge sichtbaren Ausgangssituation nicht innewohnt, und damit besondere Atmosphären. Der Moment der Bildwürde scheint nicht fest gefügt. Die Bewegung offenbart mehr als einen Moment. Eher ein intensivierender Ausschnitt einer weiteren Dimension, in der Dinge und Farben anders erscheinen. Sigrid Stabel sucht immer auch den richtigen Kameradreh. Ein Baumstamm wird so zum Zentrum eines Strudels, punktuelle Lichteinfälle verwandeln sich in Farbmuster oder Ornament. Farben erhalten eine höhere Intensität und strahlen an einigen Stellen fast phosphoreszierend. Die Baumstämme in Waldwunder (2011) erhalten durch die Auf-und-Ab-Bewegung der Kamera die Anmutung blaumetallischer Röhren. Die fotografischen Spuren von Zwischenräumen und Licht materialisieren sich. Nichtstoffliches beginnt sein ästhetisches Eigenleben als Form, Stofflichkeiten verändern sich.</p>
<p>So erfahren auch die auf der Fotografie „verwackelt“ zu sehenden Zwischenräume des Jägerzaunes im Waldtrip eine Verwandlung. Durch die Bewegung bilden diese Negativräume ein konkretes Raster weißer und grüner Rauten aus, die sich räumlich von der Bildebene zu lösen scheinen. Die reale Bildtiefe weicht zugunsten einer neuen, abstrakten Räumlichkeit.</p>
<p>Die malerische Unschärfe in Sigrid Stabels Arbeiten rührt von unterschiedlichen technischen Herangehensweisen: durch den Zoom in die Fotografie und die Wahl eines stark vergrößerten Ausschnittes, durch die Bewegung aus dem Handgelenk heraus, und, wie in den jüngsten Blumenbildern, durch einen Perspektivwechsel: Mit einer gewissen Distanzlosigkeit begibt sich die Künstlerin mit der Kamera auf die Höhe von Insekten, der Fokus ist dabei auf die Ferne gestellt.</p>
<p>Unser Blick kommt damit den zarten Blüten und saftigen Stengeln ganz nah. Ihre festen Formen scheinen sich osmotisch in ihrer Umgebung, in der Luft, im Äther und im Licht zu feinstofflichen Farbnebeln aufzulösen. Sogar die gemeine Geranie erhält so vor den hängenden Zweigen einer Lerche exotische Schönheit. Jede Farbnuance der Blüten wird erfasst. Der Blick geht durch diese hindurch und weiter auf die nach hinten abschließenden, klar umrissenen Bäume. Sie wirken bedrohlich und gleichzeitig beschützend aus einem ganz anderen Stoff bestehend. Auch durch diese Bildebene fällt wiederum verheißungsvoll Licht von einem noch weiter zurückliegenden Bereich.</p>
<p>Kaum Greifbares wird von Sigrid Stabel zu komplexen Settings bearbeitet, die ein lockerer Plot verbindet. Die Erzählfäden laufen in den als Gruppen gezeigten bzw. an der Wand gehängten Fotografien zu offenen Geschichten zusammen welche variable, offene Lesarten ermöglichen. In der Ausstellung Waldgeschichten (2011 im Kunstverein Kohlenhof) sind in der bei uns gebräuchlichen Leserichtung von links nach rechts in einer Fotosequenz der Verlauf von Nacht zu Tag, in einer anderen die Strecke von einem Haus aus – durch den Wald hindurch – aus dem Wald hinaus, angegeben. Das was sich zwischen den einzelnen Bildern an Vor- und Rücksprüngen ergibt, ist abhängig vom Betrachter, der trotz des reichhaltigen Bilderschatzes der Künstlerin Raum für eigene Assoziation erhält.</p>
<p>Eindrücke und Strukturen überlagern und verbinden sich in Sigrid Stabels Arbeiten und erzeugen räumliche, zeitliche und gedankliche Bewegung – in das Wesen der Natur, in die Geschichte der Abstraktion und in die eigenen Welten.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Passage</title>
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		<pubDate>Sun, 26 May 2013 11:49:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sigrid Stabel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Texte]]></category>

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		<description><![CDATA[Katalogtext von Ulrike Rathjen, Kunsthistorikerin Im Werke Sigrid Stabels sind inszenierte Erinnerung und Gedankenläufe grundlegend. Sie entzünden sich an Fundstücken und/oder Alltagsgegenständen und realen Räumen. Kaum Greifbares, hauchzarte Gedanken, die scheinbar verschüttet und zerbrechlich ruhen, die privat oder öffentlich sein können, werden von Stabel zu komplexen Settings bearbeitet bzw. verfremdet. Reale Dinge bzw. Räume und [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em><em>Katalogtext </em>von Ulrike Rathjen, Kunsthistorikerin<br />
</em></p>
<p>Im Werke Sigrid Stabels sind inszenierte Erinnerung und Gedankenläufe grundlegend. Sie entzünden sich an Fundstücken und/oder Alltagsgegenständen und realen Räumen. Kaum Greifbares, hauchzarte Gedanken, die scheinbar verschüttet und zerbrechlich ruhen, die privat oder öffentlich sein können, werden von Stabel zu komplexen Settings bearbeitet bzw. verfremdet. Reale Dinge bzw. Räume und zeitlicher Raum gehen eine Synthese ein und erzeugen damit eine Atmosphäre vom Überdauern der Zeit. Die Künstlerin bildet eine mögliche Gegenwart ab und gibt ihr die gedanklichen Potentiale von Vergangenheit und Zukunft.<span id="more-234"></span></p>
<p>Dem Raum als architektonischen Ort begegnet man in Stabels Arbeiten häufig. Raumelemente oder eine Architektur werden zum einen zu Grundlagen abstrakter Muster, zum anderen zu Gehäusen, die den Rahmen für Leben und Wesen von Historizität, vager Erinnerung, kunstimmanentem Experiment geben. In gewisser Weise durchlaufen die Räume eine Transformation und sind wiederum Ideengeber für ästhetische Prozesse.</p>
<p>Ein Zeitraum, der hierbei immer wieder auftaucht, ist das 19. Jahrhundert in seiner Erscheinung als symbolistische, dunkel-romantische und gleichzeitig aufgeklärte Epoche. Generell überlagern sich Epochen und Strukturen in Stabels Arbeit und erzeugen räumliche und gedankliche Bewegung.</p>
<p>Dieser Aspekt wird ebenfalls augenfällig bei ihren Animationen, die Tiere als instinktgesteuerte Protagonisten zeigen, die zu Projektionsflächen für menschliches Verhalten und Psychologie werden. Diese visuellen Fabeln appellieren an die Anlagen der Natur respektive Triebhaftigkeit und Unterbewusstsein in einer traumartigen und vibrierenden und gleichzeitig eindeutigen Weise.</p>
<p>Stabel arbeitet mit den Realitäten vielschichtig und sehr speziell; sie erweitert den Raum, die Erinnerung, das Vorgefundene um die zeitliche Komponente, sie mischt Realität und Fiktion und erzeugt damit unerklärlich scheinende und versponnene, sowie klare und witzig-absurde Darstellungen und Sequenzen! Der spezifischen Farbigkeit in Sigrid Stabels Werk wäre ein eigenes Kapitel zu widmen. Bei vielen Arbeiten ist das Kontrastieren von Buntfarbigkeit, die an Farbfeldmalerei und Pop Art der 1960er Jahre erinnert, mit den bleichen Farben oder den Schwarz-Grau-Nuancen eines vorgefundenen Settings zu erkennen, das zu einem Stilmerkmal der Künstlerin gezählt werden kann.</p>
<p>Sigrid Stabel schlägt mit ihrem Werk den Bogen vom persönlichen Bereich hin zu grundlegend menschlich-existenziellen Themen und erzeugt damit die intensive Beteiligung des Betrachters. Die angesprochenen Elemente Raum, Zeit/Historizität sowie existenzielle Themen erscheinen in stets neuen Bildsprachen und unterschiedlichen Medien – Fotografie, Animation, Film und Installation.</p>
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		<title>whitewalk</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Apr 2013 11:52:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sigrid Stabel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Texte]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Schlafzimmer, der Fernseher und der Palast Katalogtext von Annemarie Hürlimann, Kunsthistorikerin und Ausstellungskuratorin »Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.« Heimito [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das Schlafzimmer,</strong><br />
<strong>der Fernseher</strong><br />
<strong>und der Palast</strong></p>
<p><em><em>Katalogtext </em>von Annemarie Hürlimann, Kunsthistorikerin und Ausstellungskuratorin<br />
</em></p>
<p>»Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.«<br />
<em>Heimito von Doderer</em></p>
<p>In der heutigen Diskussion um Identität haben biografische und autobiografische Aufzeichnungen auch in der Kunst Hochkonjunktur. Sich auf eine Reise in die Vergangenheit zu begeben, ist nicht mehr nur Privileg von Memoiren schreibenden älteren Personen und von Biografen verstorbener Persönlichkeiten, die oft die Idylle der Jugend als Gegenwelt nostalgisch vergolden. Auch jüngere bildende Künstler, Schriftsteller, Film- und Theaterregisseure bedienen sich ihrer Erinnerung. Sie suchen nicht nur heile Welt und Kontinuität, sondern auch Brüche und Irritationen, Verletzungen und Ängste, um so eine individuelle und künstlerische, aber auch kulturelle Identität einzukreisen. Erinnerung ist immer Fragment, sie funktioniert nicht linear, sondern selektiv und assoziativ, vergrößert und verkleinert, holt Fernes in die Nähe. Sie verknüpft wie der Traum scheinbar unvereinbare Dinge und Bilder, unterscheidet nicht zwischen Dichtung und Wahrheit, Fiktion und Realität. Erinnerung ist nicht Vergangenheit, sie konstruiert und verdichtet eine Vergangenheit, die sich für Interpretationen der Gegenwart und Zukunft anbietet.<span id="more-228"></span></p>
<p>Die Erinnerung an ihre Kindheit und Jugend ist das Arbeitsmaterial für Sigrid Stabels künstlerisches Konzept. 1964 geboren gehört sie zu der Generation, die mit TV die Welt und ihre Dinge entdeckte. Bilder, Dinge und Töne, Gesten und Handlungen aus dieser medialen Welt scheinen sich am stärksten in ihrer Erinnerung verankert zu haben, jederzeit abrufbar und resistent gegenüber dem Vergessen. Sie legen die Spur für ihre Kunst, die weder nostalgische noch archäologische Ziele verfolgt. Stabel schafft mit den multimedialen Installationen Räume, die Stimmungen ihrer erinnerten Wirklichkeit einzufangen versuchen – melancholisch, magisch, verspielt, witzig, märchenhaft – Räume, die Privates und Öffentliches, Individuelles und Kollektives verschränken. Sie geben dem Betrachter die Möglichkeit, in die Welt der Künstlerin einzutauchen und dabei eigene Assoziationen und Gedächtnisspuren freizusetzen.</p>
<p>Drei Stimmungsräume</p>
<p>In der Installation Für meine Freundin Violetta II stützt sich Sigrid Stabel auf eine Kindersendung, die zwischen 1971 und 1976 als Serie im Fernsehen lief. »Violetta ist eine Marionette wie alle anderen Figuren auch. Sie stellt eine Maus dar und entspricht einem selbständigen Mädchen, einer attraktiven Mausfrau mit Klimperwimpern und so etwas wie einem Schmollschnäuzchen … In meiner Erinnerung war Violetta in so einer Art Schneiderwerkstatt, in der schöne Stoffe und allerlei Utensilien waren … sie hatte ihr ›eigenes Reich‹, in dem irgendwie eine mondän weibliche Atmosphäre war und von dem aus sich viele schöne Geschichten entspannen.« Schwärmerisch und ungenau kreist Stabel ihre Erinnerung an Violetta ein. Diese Ungenauigkeit ist gleichsam das emotionale und schöpferische Potential, da sie der Phantasie viel Raum lässt. Die Künstlerin wird herausgefordert, eine verschwommene Vorstellung, ein inneres Bild zu veräußern und zu fixieren – der Interpretation freizugeben. Die auf einer runden Plattform liegenden Gegenstände – eine Bettdecke mit gesticktem Kissen, das von rosa Steinen besetzte weiße Katzenhalsband mit Leine, der Spiegel, die Wärmflasche, das vergrößerte blumenförmige Zahnmodell, Knöpfe – sind in eigenartig schmuddeligen Farbentönen von lindengrün über rosa, schwarz und braun gehalten. Auf melancholische Weise evoziert das Ensemble den Ort einer älteren vereinsamten Frau von Welt, einer Schauspielerin oder Sängerin vielleicht, die sich in ihrer von Blumenmustern durchzogenen Dingwelt ihre Blütezeit erhalten will. Das Labyrinth aus rosa Schaumstoff, der »Rose von Chartres« nachgebildet, gefüllt mit farbigen Knöpfen, die an Murmeln erinnern, liegt als Fremdkörper etwas abseits. Ist es vielleicht ein Hinweis auf die Kindheit, waren doch Labyrinthe die Inspiration für das Hüpfspiel Himmel-und-Hölle? Oder ist es ein Symbol für den Lebensweg, auf das Violetta und mit ihr Künstlerin und Betrachter immer wieder verstohlen schauen – Stabels Blick voraus im Zorn?</p>
<p>Im Video ELEFANT lässt Stabel ihre Erinnerung an Tierfilme wie etwa »Daktari« lebendig werden. Sie sitzt in einem schrillen den siebziger Jahre nachempfundenen Ambiente vor einem Fernseher, der zu ihren Plastikspielzeugen gehörte. Mit ihr zusammen schauen wir dem grauen Tier auf seinem langsamen und schwerfälligen Spaziergang zu, der plötzlich irritiert wird, weil sein Rüssel ein Eigenleben zu leben beginnt. Er windet sich, abgesondert vom plumpen Körper, im grünen Sessel, einer Schlange gleich, in die Höhe. Die Künstlerin im roten Sessel gegenüber wendet ihren Blick vom Fernseher ab ihm zu, streichelt und füttert ihn; zögerlich und scheu lässt er sich auf das Spiel ein. Über diesen surrealen Einfall schmunzelnd nehmen wir an einem weiblichen Frühlingserwachen teil, blumig und farbig. Die Verschränkung der kindlichen Erinnerung an die Tierwelt mit dem selbstvergessenen Rüssel-Spiel voller sexueller Anspielungen macht Übergangsrituale mit liebevollem Witz sichtbar.</p>
<p>Eine gefundene Postkarte bildet den Ausgangspunkt der Videoprojektion whitewalk. Es ist das Bild eines weiten Raumes, der historisch und topografisch nicht genau zu orten ist, außer dass die ornamentale Architektur auf eine orientalische Gegend hinweist – Tausendundeine Nacht, die Erzählungen der Scheherezade fallen einem ein, eine Welt der Verzauberung, die zu unserem kollektiven Unbewussten gehört. Dieser Raum wird zum Schauplatz des Geschehens. Einer Nachtwandlerin gleich, umgeben von einer Art Lichtaureole – ein technischer Defekt mit künstlerischem Effekt – schwebt Stabel durch den Raum, verweilt und bewegt sich langsam tastend. Auf die leeren Wandpaneele sind Bilder projiziert – eine Mischung von biografischem und gefundenem fremden Material. Sie erzählen keine lineare Geschichte, sondern reihen sich unvermittelt aneinander wie in einem Traum oder Drogenrausch: Ein Fliegenpilz am Anfang der Bilderfolge erinnert daher weniger an das Kinderlied »Ein Männlein steht im Walde« als an seine halluzinogene Wirkung als Hilfsmittel für die Reise in eine persönliche Bilderwelt – Puppen, Katzen, Blumen, Blätter im Wind, Landschaften, Badeferien im Süden, Meer, Sonne und Wolken – diese entpuppen sich als industrieller Rauch. Und immer wieder Sigrid im weißen langen Kleid, am Boden sitzend oder auf einer Bank als Zuschauerin ihres eigenen Filmes, in einem Spiegel sich ihrer selbst vergewissernd, um dann den Raum durch eine Türe in einen Garten zu verlassen. Ob da die Reise weitergeht, ob sie aus dem Rausch erwacht oder ob sie ins Paradies eintritt – was sie da erwartet, ist ungewiss und lässt den Betrachter fragend und irritiert zurück.</p>
<p>Sigrid Stabels Stimmungsräume in der Ausstellung whitewalk – alle aus dem Jahre 2001 – verdichten Erinnerungen aus der Kindheit, entziehen sich jedoch nicht der Welt der Erwachsenen. Das kindliche Staunen über die Dinge und Bilder vermischt die Künstlerin mit Erfahrung und Wissen. Diese oszillierende Strategie lässt sie auf unsicherem Boden wandern – daher vielleicht auch der Titel whitewalk. Sie eröffnet aber auch Freiheiten und Energien, die unsere alltägliche Wirklichkeit nicht zulassen. »Erinnerung führt nicht zum Leben, sondern zur Kunst … Die Imagination des Kindes ist von allen möglichen Mythen, Texten, Bildern, Spielen und Spielzeugen beherrscht, die den Erwachsenen künstlich und unglaubwürdig zu sein scheinen. Das Kind erlebt dagegen die inszenierte, symbolische Welt unserer Zivilisation als einzige Realität und wird damit zum Fluchtpunkt dieser Zivilisation, in der Realität und Fiktion verschmelzen.«* Diese Welt versucht Sigrid Stabel als Künstlerin zu bewahren und weiterzugeben.</p>
<p>* Boris Groys: Eine Allegorie der Erinnerung. In: Martin Honert, Das fliegende Klassenzimmer, Venedig 1995</p>
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